2019/20 „Grenze und Freiheit“


„Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen.“
(Meret Oppenheim, bildende Künstlerin; 1975)

„Grenzen sprengen – Mitte finden" war der Titel der Goldegger Dialoge 2002. Hans Spatzenegger, damals Mitverantwortlicher für die inhaltliche Ausrichtung der Dialoge, betonte die Widersprüchlichkeit in Bezug auf das Setzen von Grenzen. „Grenzen soll es also geben – und auch nicht. Manchmal sind sie ein notwendiges Übel, sie schützen und sind unvermeidlich; manchmal empfinden wir sie als unerträglich, ja katastrophal und fehl am Platz, d.h. hinausschieben, überschreiten, einreißen, sprengen …“ (Tagungsband, S. 7)

Ohne Zweifel sichern Grenzen ein konfliktfreies Zusammenleben von Menschen. Grenzen werden aus politischer Sicht (Landesgrenzen) gezogen, aus kultureller Sicht (Konventionen), aus sozialer Sicht (Familienzugehörigkeit), aus weltanschaulicher Sicht (Religiöse Wertvorstellung; Tabus) oder aus erzieherischer Sicht (Kinder brauchen Grenzen). Angesichts von Flüchtlings- und Migrationsströmen plädiert man für die Sicherung der Grenzen, geht es jedoch um wirtschaftliches Wachstum oder die Befriedigung der individuellen Mobilität, kann es nicht grenzenlos genug sein.
Von den Künstlerinnen und Künstlern wiederum fordert die Gesellschaft die Grenzüberschreitung. Diese als Freiheit der Kunst bezeichnete legitime Provokation gehört zu den Errungenschaften der Moderne und ist in demokratisch ausgerichteten Ländern wie Österreich ein verfassungsrechtlich garantiertes Grundrecht. „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit" ist seit 120 Jahren über dem Eingang der Wiener Secession zu lesen. Dieses Motto ist also auch der (gesellschaftliche) Auftrag an die Künstlerschaft aller Genres, ausgetretene Pfade zu verlassen und die Grenzen zu erweitern bzw. zu überschreiten. 
„Gegenstand der Kunstfreiheit ist nicht nur das künstlerische Schaffen, sondern auch die öffentliche Darbietung der Kunst. Werkbereich und Wirkbereich werden gleichermaßen von der Verfassung geschützt; Kunstfreiheit erschöpft sich also nicht in Künstlerfreiheit. Neben denen, die Kunstwerke hervorbringen, können sich auch die mit der Vermittlung und Verbreitung von Kunst befassten Personen auf das Grundrecht der Kunstfreiheit berufen.“ (www.rechtslexikon.net)

Doch Freiheit ist nicht Synonym für Grenzenlosigkeit, Freiheit ist Verpflichtung und Verantwortung dem anderen gegenüber. Wo es keine Grenzen gibt, herrscht nicht Freiheit, sondern Willkür, Chaos und Tyrannei.
Die Freiheit bedarf demnach der Grenze, das ist die eigentümliche Logik dieser großen und komplexen Begriffe.

Unser Jahresthema „Grenze und Freiheit“ bekommt durch Corona, dieses pandemische Virus, eine gravierende Akzentuierung, die wir nicht erahnt und uns naturgemäß nicht gewünscht haben. 

Der 5. Juli 2020 ist quasi der Start in die neue / alte Normalität. Hygiene-Auflagen sind zu berücksichtigen, Vorschriften zu befolgen, wer weiß, wie lange uns die Maskenpflicht begleitet? Trotzdem sind wir erleichtert, dass Freiheit, wenn auch eingeschränkt, in Sicht ist. Wir dürfen nur nicht vergessen, dass diese wiedergewonnene Freiheit ein fragiles Gut ist und wir dementsprechend sorgsam damit umgehen müssen. Es wird auch an uns liegen, wie sich die nahe Zukunft entwickelt.

Heinz Kaiser