NEUJAHRSKONZERT

stadler quartett „Gutes Neues Jahr!“

Beginn:

Dienstag, 02.01.2018 | 20:00

NEUJAHRSKONZERT

Frank Stadler (Violine)
Izso Bajusz (Violine) 
Predrag Katanic (Viola)
Florian Simma (Violincello) 

Frank Stadler, seit 1999 Konzertmeister des Mozarteum­orchester Salzburg (sein wichtigster Lehrer war Helmut Zehetmair am Salzburger Mozarteum, dessen Assistent er wurde), gründete 1992 das stadler quartett, das auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik internationale Reputation erlangte und mehrmals Gast bei den Salzburger Festspielen war. Über 200 Uraufführungen, zahlreiche Rundfunkpro­duk­tionen und mehrfach ausgezeichnete CD-Einspielungen (Lachenmann, Cerha) dokumentieren den Stellenwert des Quartetts in der internationalen Musikszene. 

Mittlerweile wurde quasi eine Kurskorrektur vorgenommen: das Ensemble widmet sich wieder vermehrt der klassischen Literatur für das Steichquartett – wie es an diesem Abend eindrucksvoll unter Beweis stellen wird: von Schubert und sogar vom Walzerkönig Johann Strauss ist ein Werk dabei, das immer wieder im Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker zu hören ist.


Das Programm des Abends:

Franz Schubert (1797-1828)                                   
Streichquartett in G-Dur D 887 op. post. 161 (1826) 

Pause

Joseph Haydn (1732-1809)                                     
Streichquartett Es-Dur op. 71/3 Hob. III:71 (1793)                                                                                                                    

Hugo Wolf
(1860-1903)                                               
Italienische Serenade in G-Dur (1887)

Johann Strauss Sohn (1825-1899)                  
Rosen aus dem Süden, 
Walzer nach Motiven der Operette „Das Spitzentuch der Königen“, op. 388  (1880) 

 

Und dennoch: Lebenslust!

Für die letzten großen Streichquartette von Franz Schubert sind keine äußeren Anlässe bekannt. Schubert wollte den Weg zur „Großen Symphonie“ finden, wie er 1824 an den Freund Leopold Kupelwieser geschrieben hat. „Denk Dir einen Menschen, dessen Gesundheit nie mehr richtig werden soll“, so Schubert in diesem Brief – der Aufschrei eines 27jährigen, viereinhalb Jahre vor seinem Tod. In diesen viereinhalb Jahren entstand eine unglaubliche Reihe von Werken, die zum bedeutendsten und zeitlosesten Bestand der Musikgeschichte zählen. Sein letztes Streichquartett, jenes in G-Dur, komponierte Schubert 1826. Er hat es, wenn überhaupt, nur in Proben gehört. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Moll-Quartetten beherrschen hier noch stärkere Gegensätze das Geschehen. Die Möglichkeiten der vier Instrumente wie geballte Doppelgriffe und Tremolos werden bis zur damals äußersten Grenze genutzt. Die Zeitgenossen lehnten das Werk als unspielbar ab, auch die Länge und die symphonischen Strukturen waren ungewohnt. Die Uraufführung fand erst 1850 in Wien statt.

Schuberts Experimentierlust hatte ihren Grund immer im Bedürfnis, innerstes Erleben in Klang zu verdichten. Der ständige Kampf zwischen Dur und Moll, zwischen Licht und Dunkel, Freude und Leid, durchzieht den ganzen dramatischen Kopfsatz. Im Andante kommt es zu keiner wirklichen Entspannung. Die wehmütigen melodischen Bögen des Cellos werden immer wieder durch sich aufbäumende Ausbrüche unterbrochen, durch erregte, rasende Tonleitern. Die Aufteilung auf die Instrumente ist unorthodox und schafft völlig neue, auch heute noch bestürzende Klangwirkungen.

So verteilt Schubert die Melodie auf die erste Violine und das Cello, während zweite Violine und Bratsche ein unheimlich dichtes Tremolo darunter legen – das ist keine Begleitung im klassischen Sinn mehr, sondern ein Musik gewordenes Psychogramm. Oft ist da nur ein kleiner Schritt zum Geräuschhaften der Neuen Musik. Im Scherzo (in h-Moll) erscheint ein rhythmisch peitschendes Kopfmotiv, dessen Bizarrerie samt spielerischer Umkehrung an die ironisch unterfutterte Romantik eines E. T. A. Hoffmann gemahnt. Nur das Trio schlägt in G-Dur versöhnlichere Töne an, in einem Streichersatz, der an diffiziler Durchhörbarkeit seinesgleichen sucht. Das Final-Rondo im 6/8-Takt steht in G-Dur und wirkt wie ein positives Gegenbild zum Finale des d-Moll-Quartetts. Hier wie dort herrscht die jagende Motorik einer einzigen rhythmischen Figur. Die Konflikte des ersten Satzes tauchen fratzenhaft auf. Der Takt ist kompromisslos durchgehalten, nur an einer einzigen Stelle erscheint für wenige Takte, aber mit „marcato“ bezeichnet, das tragische h-Moll. Doch das diesseitige G-Dur setzt sich durch und schafft eine grandiose Atmosphäre trotziger Lebensbejahung. Auf dem Weg zur Symphonie hat Franz Schubert ungeahnte Ausdruckswelten der Kammermusik entdeckt und neben Beethoven die wesentlichsten Türen zur Musik der Zukunft geöffnet.

Der wesentliche Erfinder des Streichquartetts war Joseph Haydn, der in seinen 68 Gattungsbeiträgen die Entwicklung von der barocken Triosonate zur „Unterhaltung vier vernünftiger Leute“, wie Goethe meinte, von spielerischen Rokoko-Divertimenti bis zu symphonisch strukturierten Stücken am Vorabend der Romantik, in vierzigjährigem Schaffen und Forschen meisterhaft vollzogen hat.
Das Es-Dur Quartett aus dem op. 71, erschienen 1793 gleichzeitig in Wien und London, zeugt von Reife und Meisterschaft. Gewidmet ist es dem hoch gebildeten, fortschrittlich orientierten und tatkräftig die Kunst fördernden Grafen Anton Apponyi, der Haydns „Pate“ bei den Freimaurern war. Außerdem war er ein sehr guter Geiger, was sich wohl in den besonders virtuosen Partien, die Haydn hier für die erste Violine schrieb, spiegelt.

Mit einem energischen Es-Dur-Akkord und einer wirkungsvollen Pause beginnt der Kopfsatz, ungewöhnlicher Weise ein Vivace. Die rhythmischen und harmonischen Überraschungen, ja Überrumpelungen, die Haydn in rasantem Tempo folgen lässt, sorgen für durchgehende Spannung, so monothematisch dieser Sonatensatz auch sein mag. Das Andante, der erste Variationensatz in Haydns Quartett-Oeuvre, verblüfft mit seiner Abkehr von den Traditionen eines solchen. Da gibt es keine fröhliche Folge von Variationen, sondern intensive thematische Arbeit, erstaunlich exzessive Traurigkeit, kontrastiert durch harte Akzente, da gibt es in der dritten Variation eine fast völlige Auflösung des Themas – und des Bassfundaments! – und in der vierten ein kontrapunktisches Spiel mit den zerlegten Motiven. Menuett und Trio lassen nur mehr schattenhaft Tänzerisches erkennen. Im energischen, aber im Grunde ernsten Finale bildet das zweite Thema einen deutlichen Gegensatz zum ersten, obwohl es aus diesem entwickelt ist. Haydns berühmte Pointen erscheinen in einem neuen, dramatischen Licht.

Der zeitlebens von einer schweren psychischen Störung gequälte Musiker Hugo Wolf stammte aus der heute slowenischen Untersteiermark und wirkte in Wien als leidenschaftlicher Anhänger Wagners und Bruckners sowie als scharfzüngiger Kritiker, ehe ihn seine durch die Syphilis verstärkte Krankheit in die Irrenanstalt brachte. Dieser stets an der sprichwörtlichen Grenze zwischen Genie und Wahnsinn agierende Künstler war der große Meister des spätromantischen deutschen Kunstliedes, ein mit feinster Psychologie arbeitender Wort-Komponist. Daneben entstanden nur wenige, aber bedeutende Werke für andere Besetzungen. Die „Italienische Serenade“ für Streichquartett aus dem Jahre 1887 war dreisätzig konzipiert, doch vollendete Wolf nur den ersten Satz. Wolf hat ein klassisches Rondo geschrieben, dessen übermütige, geradezu aufreizend sinnliche Stimmung von italienisch wirkenden, aber frei erfundenen Themen geprägt wird. Eine fulminante, die Interpreten fordernde Beschwörung südlicher Lebensfreude. Eine mitreißende Hymne an Italien, das Traumland der Romantiker.

Seine „Rosen aus dem Süden“ widmete Johann Strauss Sohn dem italienischen König Umberto. Der typische Konzertwalzer wurde am 7. November 1880 im Wiener Musikverein unter der Stabführung von Bruder Eduard uraufgeführt. Die Brüder Strauss präsentierten ihre neuen Tänze sehr gerne in bestuhlten Konzertsälen, in denen gar nicht getanzt werden konnte, um auf die symphonischen Qualitäten der Stücke mit oft minutenlangen, die Stimmung malenden Vorspielen aufmerksam zu machen. Kein Wunder, dass der Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick von „Symphonien im Dreivierteltakt“ schrieb und zu viele Wagner-Anlehnungen in den großen Walzern zu hören glaubte. Tatsächlich ist dieser Walzer nach Motiven der heute fast vergessenen Operette „Das Spitzentuch der Königin“ ein Meisterstück musikalischer Hochromantik. Überschäumender Fröhlichkeit und Lebenslust ist stets ein Hauch von Melancholie beigemischt. Immerhin spielt auch die Operette im Süden, allerdings in Portugal, dem Land des schwermütigen Fado.                                       

Gottfried Franz Kasparek

Genre:

Kultur

Eintritt:

22
20 (Mitglieder, Ö1)
11 (Jugend unter 18) 

 

 

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